
Zeit haben. Sich Zeit nehmen. Da sein. Was bedeutet das wirklich?
Diese drei Gedanken haben mich gestern nicht mehr losgelassen. Während ich mit meiner Familie unterwegs war, kreisten diese Fragen in meinem Kopf, weil mir eine Schiffsschleuse so richtig eine Realitätswatschn gab.
Eigentlich begann alles mit einer Radtour. Meine beiden jüngsten Söhne hatten am Tag zuvor endlich ihre neuen Fahrräder abgeholt. Nach langem Warten war es soweit. Die Räder mussten natürlich eingeweiht werden. Also machten wir uns als Familie auf den Weg.
Unser Ziel war eine Schiffsschleuse am Rhein.
Als wir ankamen, fuhr gerade ein großes Frachtschiff in die Schleuse ein. Wir freuten uns alle darüber, dass wir genau zum richtigen Moment auf der Brücke gelandet waren. Das Schiff hielt sich dicht an der linken Seite. Ich lehnte mich auf das Geländer der Brücke und wartete darauf, dass sich das Tor hinter dem Schiff schloss.
Es geschah nichts. Eine Minute verging. Noch eine. Dann noch eine.
Ich merkte, wie ich innerlich unruhig wurde. Warum ging es nicht weiter?
Für mich schien alles bereit zu sein. Das Schiff war an seinem Platz. Der nächste Schritt lag doch logisch auf der Hand. Tor schließen. Wasser ablassen. Weiterfahren.
Doch die Schleuse blieb offen.
Während ich auf das Tor starrte, begann etwas anderes zu arbeiten. Nicht die Schleuse. Mein Kopf.
Ich fragte mich, warum mich diese Situation überhaupt beschäftigte. Warum entstand in mir innerer Druck? Objektiv gab es keinen Grund für Ungeduld. Ich hatte keinen Termin, niemand wartete auf mich. Alles war genau so, wie es sein sollte. Sonne, Familie, Zeit. Trotzdem entstand in mir das Gefühl, dass jetzt endlich etwas passieren müsste.
In diesem Moment wanderten meine Gedanken zur Schiffsbesatzung. Empfanden die Menschen an Bord dieselbe Ungeduld? Oder standen sie dort ganz ruhig, weil sie wussten, dass genau dieser Ablauf notwendig war? Sie kannten die Schleuse vermutlich besser als ich. Sie wussten, dass ein solcher Prozess von vielen Bedingungen abhängt. Von außen sah ich Stillstand. Für sie war es wahrscheinlich einfach der normale Ablauf.
Während ich meinen Gedanken nachhing, bemerkte ich weit hinten auf dem Rhein ein zweites Schiff. Ahhhh, klar. Das machte Sinn.
Langsam wurde mir bewusst, warum das Tor die ganze Zeit offengeblieben war. Das erste Schiff hatte sich bewusst an die Seite gelegt, damit das zweite Schiff ebenfalls in die Schleuse einfahren konnte.
Die eigentliche Situation hatte sich nicht wirklich verändert. Nicht die Situation hatte sich verändert, sondern mein Verständnis von ihr und mein Blickwinkel auf sie. Bähm. Da war sie wieder, eine wichtige Erkenntnis, mitten auf einer Schleuse in der Sonne.
Dieser Moment hat mich den ganzen Abend beschäftigt.
Ich glaube, wir erleben genau das häufiger, als uns bewusst ist. Wir geraten unter Druck, obwohl objektiv gar nichts schiefläuft. Wir werden ungeduldig, obwohl ein Prozess längst begonnen hat. Wir empfinden Stillstand, obwohl im Hintergrund bereits alles in Bewegung ist.
Der Druck entsteht oft nicht durch die Situation selbst. Der Druck entsteht oft dort, wo uns das Verständnis für eine Situation fehlt.
Ich wusste nicht, was die Schleuse gerade tat. Deshalb interpretierte ich das Warten als unnötige Verzögerung. Erst als ich den größeren Zusammenhang verstand, verschwand meine Unruhe beinahe augenblicklich.
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich beruflich mit Menschen. Mit Kindern und mit Eltern. Mit Neurodivergenz und Lernen. Mit Entwicklung.
Je länger ich über diese Schleusenerkenntnis nachdenke, desto häufiger begegnet mir derselbe Zusammenhang.
Ein Kind verweigert eine Aufgabe. Ein Jugendlicher zieht sich zurück. Eine Familie hat das Gefühl, nicht voranzukommen.
Von außen sieht es manchmal so aus, als würde nichts passieren. Aber das ist nur eine Perspektive. Leider die, die sich uns oft aufdrängt.
Häufig ist längst etwas in Bewegung, auch wenn wir es noch nicht erkennen. Oft fehlt uns nicht Geduld, sondern vielmehr fehlt uns Verständnis. Verständnis schafft Orientierung und Orientierung gibt Sicherheit. Umgedreht: Ungeduld ist manchmal ein Symptom fehlenden Verstehens.
Dieser Gedanke hat mich an der Schleuse mehr bewegt als die Schiffe selbst. Seit gestern begleitet mich deshalb ein Satz, den ich wahrscheinlich so schnell nicht mehr vergessen werde:
Das Leben ist voller Schleusen.
Manchmal bleiben Tore länger offen, als wir erwarten. Nicht weil nichts geschieht.
Nein. Es ist, weil wir noch nicht verstehen, was gerade geschieht.
Pädagogin, staatlich anerkannte Erzieherin und Mutter von vier Söhnen. Sie begleitet mit BB-KB Familien, Fachkräfte und Einrichtungen rund um Neurodivergenz, in Weil am Rhein und online.
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