
Es ist ein unbeschreiblich gutes und wahrhaftiges Gefühl, wenn man von jetzt auf gleich etwas versteht. So richtig tief versteht. So, dass man in dem Moment des Verstehens weiß, dass das ein lebenslanges Lernen war.
Mein Sohn saß heute Morgen allein am Esstisch. Er aß seinen Lieblingsjoghurt und hörte Worship-Musik. Niemand hatte ihn geärgert. Niemand hatte etwas von ihm verlangt. Sein Bruder war beschäftigt. Ich war in einem anderen Raum und zog mich an.
Als ich zurückkam, kam er weinend und mit einer verkrampften Haltung auf mich zu. Sein ganzer Körper wirkte überwältigt. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Vor zwei Minuten war doch noch alles in Ordnung.
Ich nahm mein Kind auf den Schoß und hielt ihn fest. Er weinte und sagte nichts. Er konnte nicht.
Später, als er sich etwas beruhigt hatte, sagte er einen Satz der mich heute den ganzen Tag beschäftigte:
„Mama, ich habe keine Murmeln mehr.“
Er sagte nicht, dass er traurig ist. Er sagte nicht, dass er wütend ist. Er sagte nicht, dass etwas passiert ist.
Er beschrieb seinen inneren Zustand. Ich fand das bemerkenswert. Aber ich konnte in dem Moment überhaupt nicht nachvollziehen, wie es zu diesem Satz kam.
„Ich habe keine Murmeln mehr.“ bedeutet: Meine Ressourcen sind aufgebraucht. Ich kann mich nicht mehr regulieren. Mein System ist leer.
Also gab ich meinem Sohn etwas von meiner Energie und meinen Ressourcen ab. Ich begegnete ihm und wir vereinbarten, dass er es versucht in die Schule zu gehen. Wenn es dort nicht mehr geht, komme ich und hole ihn ab. Das war ein Deal auf den sich mein Kind einlassen konnte.
Während ich später mit seiner Lehrerin sprach und den Morgen schilderte, fiel plötzlich ein Satz aus meinem Mund, den ich vorher nie bewusst gedacht hatte:
„Es ist der dritte Sommer in Folge, in dem er sich innerhalb kurzer Zeit in einen kaum haltbaren Zustand entwickelt. Im September wird es wieder besser.“
In diesem Moment wurde ich hellhörig.
Drei Sommer. Drei Jahre. Unterschiedliche Lebenssituationen. Unterschiedliche Herausforderungen.
Was hatten diese Jahre gemeinsam? Die Antwort war verblüffend einfach:
Es war Sommer.
Was, wenn Hitze mehr ist als Hitze?
Viele neurodivergente Kinder reagieren sensibel auf Sinneseindrücke. Wir denken dabei fast immer an Geräusche, Licht oder Berührungen.
Hitze wird dagegen fast nie mitgedacht. Dabei ist Hitze der permanenteste Reiz den es gibt. Die Haut meldet ständig Temperatur. Der Körper muss dauernd schwitzen. Kleidung fühlt sich anders an. Gerüche werden intensiver. Licht wird heller. Der Schlaf bricht zusammen.
Der gesamte Organismus arbeitet auf Hochtouren, nur um die Körpertemperatur stabil zu halten. Für ein Nervensystem das ohnehin viele Informationen gleichzeitig verarbeitet, könnte das eine deutlich höhere Grundbelastung bedeuten. Eine Belastung die immer da ist. Jeden Tag. Jede Minute.
Was sagt die Wissenschaft?
Die Forschung steht hier noch ganz am Anfang. Es gibt bislang keine große eindeutige Aussage, dass autistische oder andere neurodivergente Menschen grundsätzlich schlechter mit Hitze umgehen können.
Aber es gibt viele interessante Hinweise die alle in dieselbe Richtung zeigen. Studien zeigen Besonderheiten in der Verarbeitung von Temperaturreizen bei autistischen Menschen. Andere Untersuchungen weisen auf Unterschiede im autonomen Nervensystem hin – jenem Teil unseres Nervensystems der unter anderem Herzfrequenz, Schwitzen, Stressreaktionen und Thermoregulation steuert.
Hinzu kommen Erkenntnisse zur Interozeption, also der Wahrnehmung innerer Körperzustände. Manche neurodivergente Menschen nehmen Durst, Hunger, Erschöpfung oder Überhitzung später oder anders wahr als neurotypische Menschen. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie Hitze stärker spüren. Es bedeutet, dass ihr Nervensystem unter Hitze einfach anders arbeitet.
Vielleicht ist Sommer ein Ressourcenfresser
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass die entscheidende Frage nicht lautet: „Macht Sommer neurodivergente Kinder emotionaler?“
Vielleicht lautet die bessere Frage: „Verbraucht Sommer im Grundsatz einfach mehr Ressourcen?“
Wenn das Nervensystem ohnehin damit beschäftigt ist,
- die Körpertemperatur zu regulieren,
- helleres Licht zu verarbeiten,
- schlechteren Schlaf auszugleichen,
- veränderte Tagesabläufe zu bewältigen,
dann bleiben möglicherweise einfach weniger Ressourcen für Frustrationstoleranz, Flexibilität und emotionale Selbstregulation übrig.
Von außen wirkt alles plötzlich. Im Nervensystem läuft dieser Prozess möglicherweise schon seit Tagen oder Wochen.
Was wir heute gemacht haben
Nachdem mein Mann und ich darüber gesprochen hatten, holte ich meinen Sohn früher von der Schule ab. Auf dem Weg erklärte ich ihm meine Beobachtung in kindgerechten Worten. Ich erzählte ihm von der Idee, dass sein Nervensystem im Sommer vielleicht einfach härter arbeiten muss als sonst.
Ich fragte ihn ob das für ihn Sinn ergibt.
Er schaute mich an und sagte: „Ja Mama. Das macht alles Sinn.“
Ich lud meinen Sohn zum Eis essen ein, um diese Erkenntnis zu feiern. Yeah! Es ist wahrlich ein Grund der Freude, wenn man endlich nach vielen Jahren ein neues, passendes Puzzlestück gefunden hat.
Anschließend kauften wir einen Fischerhut statt einer Cap, weil er deutlich mehr Schatten spendet. Sofort nach dem Kauf tauschte er sein Cape gegen den Hut.
Auf unserem Weg gibt es einen Brunnen. Ein großes Becken mit kühlem Wasser. Dort zeigte ich ihm, dass man die Arme eintauchen kann. Dass Kälte an den Handgelenken und Unterarmen dem Körper helfen kann sich herunterzukühlen. Während wir unsere Arme eintauchten erklärte ich meinem Sohn wie das Nervensystem darauf reagiert. Sogar das Wort Parasympathikus fiel 😊
Auf dem Rückweg blieben wir erneut dort stehen. Wir hielten schweigend unsere Arme ins Wasser. Die Situation war voller Ruhe. Es bedurfte keine weiteren Worte mehr.
Kein Therapieprogramm. Keine teure Intervention. Kein Fünf-Punkte-Plan. Kein Ratschlag von irgendeinem Experten.
Nur ein Kind, seine Mutter und ein neues Verständnis für das, was möglicherweise im Hintergrund geschieht.
Die wichtigste Erkenntnis
War das größte Geschenk dieses Tages die Theorie über Hitze? Nein. Vielmehr war es die Erkenntnis, dass Verhalten niemals aus dem Nichts kommt. Hinter Verhalten steckt fast immer mehr, als wir auf den ersten Blick erkennen können. Auch schon bei unseren Jüngsten.
Ein Kind mit einer Überwältigung meldet nicht mangelnden Willen. Manchmal meldet es einfach Erschöpfung. Manchmal sagt ein Nervensystem ganz einfach:
„Ich habe keine Murmeln mehr.“
Ich bin mir sicher, dass es sich lohnt, diesem Satz mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Besonders im Sommer.
Jetzt bin ich neugierig: Kennt ihr solche Sätze von euren Kindern?
Sätze, die zunächst rätselhaft wirken und sich später als Schlüssel zum Verstehen herausstellen? „Mama, ich habe keine Murmeln mehr.“ war heute so ein Satz für mich.
Welcher Satz hat euch einmal die Augen geöffnet?
Pädagogin, staatlich anerkannte Erzieherin und Mutter von vier Söhnen. Sie begleitet mit BB-KB Familien, Fachkräfte und Einrichtungen rund um Neurodivergenz, in Weil am Rhein und online.
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