So starke Gefühle
Manchmal ist das Gefühl so intensiv, dass ich es kaum aushalten kann.
„Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe?“ Diese Frage kommt im Leben von Eltern immer wieder auf. Bei uns zu Hause machen wir oft ein Spiel daraus. Wir suchen Vergleiche, die dieses allumfassende Gefühl von Liebe greifbar machen. „Ich liebe dich so sehr, wie viele Haare es auf der Welt gibt. Da ist das Fell von allen Tieren mit inbegriffen, auch die Wimpern musst du mitzählen.“ Oder: „Ich liebe dich so sehr, wie heiß die Sonne ist.“ Oder auch: „Ich liebe dich so sehr, wie alle DNA-Stränge aller Lebewesen zusammengerollt werden würden.“ Mein damals dreijähriger Sohn sagte einmal zu mir: „Mama, ich liebe dich so sehr, dass alle Fenster und Türen im Haus auf sein müssen.“
Dieses Spiel entsteht nicht zufällig. Es entsteht aus einer inneren Dringlichkeit heraus. Aus dem Bedürfnis, dem Gegenüber mitzuteilen, wie intensiv dieses Gefühl von Zuneigung und Zugehörigkeit wirklich ist. Manchmal scheint es, als reiche ein einfaches „Ich liebe dich“ nicht aus. Als müsste man es größer machen, weiter, weiter aufziehen – damit es dem inneren Erleben annähernd gerecht wird.
Ich habe mich oft gefragt, warum wir Menschen das überhaupt tun. Wozu dient es mir, meine Empfindungen in Worte zu fassen?
Für mich kam ich zu dem Schluss: Es hilft, das Gefühl überhaupt aushalten zu können. Starke Empfindungen können kraftraubend sein. Sie sind nicht nur schön, sie sind auch intensiv. Das Aussprechen wird zu einem Ventil. Der Organismus darf entlasten. Das Innere bekommt Raum.
Kennst du diese Heftigkeit beim Empfinden bestimmter Gefühle?
Genau hier wird es spannend. Denn nicht alle Menschen empfinden in derselben Intensität. Das ist auch in Ordnung so. Neurodivergente Menschen haben die Gabe, das Glück und manchmal auch die Last, besonders intensiv zu spüren.
Freude kann überwältigend sein. Liebe kann überfluten. Enttäuschung kann tief gehen. Wut kann einen sehr schnell überrollen und regelrecht Besitz von einem nehmen. Manche Gefühle sind so groß, dass sie kaum in unseren Körper passen.
Diese Intensität ist eine enorme Ressource – und gleichzeitig kann sie das Nervensystem an seine Belastungsgrenze bringen. Wenn dieses kurz vor dem Kippen steht, braucht es Entlastung. Es ist daher nicht verwunderlich, wie kreativ neurodivergente Menschen darin sind, Wege zu finden, sich selbst zu schützen.
Dieser Text soll ein Reminder sein. Eine Erinnerung daran, wie verschieden wir Menschen sind. Wie facettenreich Innenleben sein kann. Niemand ist gleich, niemand fühlt gleich, niemand verarbeitet gleich.
Gleichermaßen soll dieser Text eine positive Stimme sein für all die Menschen, die intensiv spüren und ein reiches, vielschichtiges Inneres haben. Ja, es kann anstrengend sein. Ja, es kann überfordern. Aber es ist eine Gabe. Wie alles auf dieser Welt will auch sie kennengelernt werden. Wirklich kennengelernt. Wenn wir beginnen zu verstehen, wie unser eigenes Nervensystem funktioniert, entwickeln wir die passenden Tools, um nicht gegen diese Intensität zu kämpfen, sondern mit ihr zu leben.
Vielleicht braucht es manchmal nur den Mut, alle Fenster und Türen im eigenen Haus ein Stück weit zu öffnen. Also, trau dich!