Regulation zulassen: Warum ich mein 7-jähriges Kind aus einer Babyflasche trinken lasse
Ein Reflexionsessay über die Notwendigkeit von Toleranz. Für uns alle.
Mein Sohn ist 7 Jahre alt und er trinkt jeden Morgen aus einer Babyflasche.
Jeden Morgen haben wir den gleichen Ablauf: Das Kind steht auf, kommt zu mir zum Kuscheln. Danach stehe ich auf und mache ihm seine heiß geliebte Flasche warme (Reis-)Milch. Ich bringe ihm die Flasche aufs Sofa, wo er geduldig wartet. Er nimmt die Flasche, dreht sich um und saugt in aller Ruhe und Genuss das warme, wohlschmeckende Getränk aus. Manchmal, wenn der Morgen etwas anders verläuft als heute, an einem Samstag, liest er einen Comic – aktuell Asterix – und trinkt dabei aus einer Babyflasche.
Mit einem Sauger, der eigentlich für Babys ab 6 Monaten hergestellt wird. Dieser Sauger ahmt den Nippel einer Brust perfekt nach.
Auf den ersten Blick wirkt das irritierend. Ein so großer Junge mit einer Babyflasche.
Viele denken sofort: „Dafür ist er zu alt.“
Ich verstehe das. Wirklich.
Wir alle tragen Bilder in uns davon, wie Entwicklung auszusehen hat. Wir alle sind geprägt von unserem Umfeld, unseren eigenen Erfahrungen und dem, was Menschen zu uns gesagt haben.
Was ich aber sehe, wenn mein Kind aus der Flasche trinkt: ein Kind, das sich reguliert.
Was wirklich passiert
Während er da liegt und saugt, passiert etwas sehr Ruhiges in ihm. Er versöhnt sich jeden Tag aufs Neue mit der Welt. Er kommt an. Im Tag. Den Übergang von der stillen Nacht zum lauten, reizüberladenden Tag schafft das Kind mit diesem Trick gekonnt. Sein Körper fährt langsam hoch. Sein Nervensystem sortiert sich.
Dieser Moment ist für ihn wie eine Brücke:
vom Innen nach Außen,
von der Ordnung der Nacht ins Unbekannte des Tages,
von der Ruhe zu unbekannten Reizen.
Was passiert, wenn er seine Flasche fertig getrunken hat?
Dann steht er auf.
Still. Klar. Bei sich.
Und ist bereit für all das, was der kommende Tag für ihn bereithält.
Regulation ist kein Rückschritt
Saugen ist eine der frühesten Regulationsformen, die wir Menschen haben. Die physiologischen Auswirkungen des Saugens sind immens: Durch die Muskeln, die durch das Saugen aktiviert sind, wird in unserem Gehirn, genauer gesagt die Hirnhäute, Entspannung ausgelöst. Osteopathen wissen um diesen Umstand und wenden dieses Wissen an für Babys, wenn sie Anpassungsschwierigkeiten haben nach der Geburt. Das ist kein Zufall. Das ist Biologie.
Nur weil ein Kind älter wird, bedeutet das nicht automatisch, dass diese Strategie „verschwinden muss“.
Manche Kinder brauchen sie länger. Nicht, weil sie zurück sind. Sondern weil sie instinktiv spüren, was sie tun können, um sich zur Entspannung zu bringen. Sie nehmen ihre eigenen Bedürfnisse ernst und kümmern sich um sie. Das ist eigentlich eine Fähigkeit, die wir uns alle wünschen.
Gerade neurodivergente Kinder haben oft einen sehr feinen Zugang dazu, was ihnen hilft.
Die Frage ist also nicht:
„Ist das altersgerecht?“
Sondern:
„Hilft es ihm – oder steht es ihm im Weg?“
Was mich wirklich beschäftigt
Was mich nachdenklich macht, ist nicht das Verhalten meines Kindes. Sondern die Reaktion vieler Erwachsener darauf.
Warum fällt es uns so schwer, Dinge einfach sein zu lassen – wenn sie niemandem schaden?
Warum bewerten wir so schnell, anstatt zu beobachten?
Ich bin in den 90ern groß geworden.
Das Wort „Toleranz“ war damals überall. Große Kampagnen wurden in den Schulen umgesetzt, um uns Schülern einzuhämmern, wie wichtig Toleranz ist. Aus gutem Grund: Toleranz ermöglicht uns, mit mehr Ruhe zusammen zu leben.
Uns wurde beigebracht: Lass andere Menschen so sein, wie sie sind.
Und heute?
Habe ich immer wieder den Eindruck, dass wir genau das verlernt haben.
Es könnte so einfach sein
Mein Sohn braucht diesen Moment. Er nimmt ihn sich. Danach ist er bereit für die Welt.
Ich sehe darin keine Schwäche. Ich sehe darin Kompetenz.
Möglicherweise ist genau das der Punkt:
Wenn ein Mensch einen Weg findet, gut für sich zu sorgen und niemandem damit schadet –
warum sollten wir ihn daran hindern?
Vielleicht wäre vieles leichter, wenn wir weniger korrigieren und mehr verstehen würden. Vielleicht wäre es manchmal genug, einfach jemanden sein zu lassen. Mein Sohn lehrt mich immer wieder: es geht auch anders. Langsamer. Im Takt des eigenen Lebens. Nicht dem vermeintlichen Takt, den uns eine Gesellschaft vorgibt. Eine Gesellschaft, die an uns als Individuen – wenn überhaupt – nur bedingt interessiert ist.
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