WERTvoll – was hat echten Wert?

Vor 21 Jahren kam in mein Leben eine Rolle hinzu: Ich wurde Mutter eines Buben. Vier Wochen später kam eine weitere Rolle hinzu: Auf einmal war ich Halbwaise. Meine Mutter verstarb.

Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt gerade einundzwanzig Jahre alt.

Diese Wendung in meinem Leben stellte mich vor große Aufgaben: zu verarbeiten, zu reflektieren und schließlich Entscheidungen zu treffen. Seit ich selbst Mutter bin, stelle ich mir die Frage: „Was ist wirklich wertvoll?“ und „Welche Werte möchte ich meinem Kind weitergeben?“

Mit dem Ableben meiner eigenen Mutter und dem gleichzeitigen Mutterwerden brannten sie fast wie mit einer Lupe im Sonnenlicht auf mich. WERTVOLL. Ein starkes Wort. Ein Wort, das Erwartungen weckt und Kräfte aktiviert.

Mehr als zwanzig Jahre treibt mich diese Frage um. Mit den Jahren haben sich meine Antworten verändert.
Die Fragen sind geblieben: Was ist also wertvoll?

Liegt das im Auge des Betrachters? Oder gibt es in jeder Kultur einen unsichtbaren Wertekodex, dem wir uns alle unterwerfen? Und wie bewusst sind wir uns eigentlich über die Werte unserer Gesellschaft?

Die Entscheidung

Ich für meinen Teil habe bereits in jungen Jahren eine Entscheidung gefällt, die ich auch heute, über zwanzig Jahre später, noch lebe.

Als mein erster Sohn zehn Monate alt war, führte ich meine zuvor unterbrochene Ausbildung zur Pädagogin fort. Ich merkte schnell, dass die Doppelbelastung von Mutterschaft und Ausbildung auch einen unerwarteten Vorteil hatte: Ich konnte all die Theorien, die wir in der Fachakademie lernten, sofort auf das reale Leben übertragen. Meine wachsende Rolle als Mutter verwob sich mit dem pädagogischen Wissen. Einige Lehrer entpuppten sich als Mentoren, die gewillt waren, meine kritischen Fragen ernst zu nehmen und mit mir in den Diskurs zu gehen.

Schnell wurde mir klar: Familie und Kita haben zwar ähnliche Schwerpunkte, aber die Umsetzung in beiden Systemen unterscheidet sich stark. Was aber immer übereinstimmte, war die Frage nach den Werten. Was ist WERTvoll?

Meine Antwort damals – und meine Antwort heute:

Dafür Sorge zu tragen, gute und tragfähige Erinnerungen in Kindern zu generieren. Damit junge Menschen – was auch immer ihnen im Leben widerfährt – ein Netz aus positiv geprägten Erinnerungen in sich tragen.
Einen inneren Rückzugsraum, der sie hält, wenn das Leben es nicht tut.

Was das bedeutet – und was es nicht bedeutet

Hier möchte ich etwas klarstellen, weil ich weiß, dass manche Mütter jetzt denken: „Das klingt nach Selbstaufgabe. Das kann ich nicht. Ich habe nicht die Kraft, mich komplett zurückzunehmen.“

Ich verstehe diesen Gedanken. Aber darum geht es nicht.

Es geht nicht darum, sich selbst aufzugeben. Nicht darum, die eigenen Bedürfnisse zu opfern oder sich unsichtbar zu machen. Es geht um eine Haltung. Eine innere Ausrichtung. Ein Kompass, den man in sich trägt und der in den tausend kleinen Momenten des Alltags mitschwingt. Es geht darum, sein eigenes Leben durch das Leben des Kindes neu zu entfalten und seine eigenen Interessen so zu übersetzen, dass sie in die Welt der Kinder hineinpassen.

Es bedeutet nicht, dass jeder Tag perfekt sein muss. Es bedeutet nicht, dass du nie müde, genervt oder überfordert sein darfst. Es bedeutet: Wenn du eine Entscheidung triffst, wenn du reagierst, wenn du mit deinem Kind sprichst – dann schwingt im Hintergrund die Frage mit: „Was nimmt mein Kind aus diesem Moment mit?“

Das ist keine Selbstaufgabe. Das ist bewusste Elternschaft. Eine Haltung, die dich nicht schwächt, sondern dir Orientierung gibt – gerade dann, wenn alles andere im Chaos versinkt. Ich weiß das, weil ich selbst in Momenten größter Erschöpfung genau diese Frage an mich gestellt habe – und sie mich wieder aufgerichtet hat.

Der Beweis, dass es funktioniert

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in einem Hotel an der Ostseeküste. Auf einem Trip mit meinem Erstgeborenen.

Dass ich gerade hier sitze, ist der lebende Beweis dafür, dass ich damals richtig entschieden habe.

Die Familienkonstellation mit meinem damaligen Freund war schwierig. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: toxisch. Wir zogen aus einer großen bayerischen Stadt an die Ostseeküste, um die Familie zu retten. Es hat nicht funktioniert. Im Gegenteil – die Heftigkeit in der Partnerschaft wurde hier am Meer noch stärker, mein Leid größer.

Aber ich erinnerte mich immer wieder an meinen Wertekodex, an meinen inneren Kompass. Daran, was ich mir als junge Mutter in mein Inneres verankert hatte. Also sorgte ich dafür, dass mein Sohn trotz allem schwierigen und belastenden Umständen eine Kindheit hatte, an die er sich gerne erinnern würde. Strandzeiten, Spielplatzzeiten, Zeiten im Wald und in der Natur. Zeit der Begegnung, des Zuhörens, des Vertrauens.

Nach dreieinhalb Jahren hatte ich den Mut, mich zu trennen. Die Geburt meines zweiten Sohnes gab mir die Kraft, diese ungesunde Beziehung zu verlassen. Ich wollte nicht zulassen, dass auch Sohn Nr. 2 unter solchen Rahmenbedingungen aufwächst. Daher ging ich zurück in die große bayerische Stadt und lebte fortan mehrere Jahre als alleinerziehende Mama.

Es war unfassbar anstrengend. Kraftraubend. Aber dieser innere Antrieb – dafür zu sorgen, dass meine Kinder gute und tragfähige Erinnerungen in sich aufbauen – hat mir jeden einzelnen Tag geholfen, mich zu verorten.

Viele Jahre später

Das Ganze ist über ein Jahrzehnt her. Aus meinen kleinen Söhnen sind starke Menschen geworden. Mein Erstgeborener ist erwachsen, steht kurz vor dem Abschluss seiner Ausbildung und lebt sein Leben in geordneten Bahnen.

Vor einem halben Jahr rief er mich an. Aufgeregt. Fast überwältigt.

Er hatte auf Instagram ein Video gesehen – die Eröffnung eines Shops in der Fußgängerzone der Küstenstadt. Und mit diesem Video kamen die Erinnerungen, seine Erinnerungen. Alle auf einmal.

„Mama, es ist alles wieder da! Ich kann mich an die tollen Sachen erinnern, die wir zusammen gemacht haben. Komm, lass uns, nur du und ich, da nochmal hinfahren und gemeinsam diese Schönheit erleben.“

Und nun, einen Herbst und einen Winter später, sind wir hier. Wir beide. Mein Erstgeborener und ich. Wir gehen auf unseren alten Spuren. Besuchen Orte der Leichtigkeit. Freuen uns an der Zweisamkeit.

Ich als Mama beobachte meinen erwachsenen Sohn, wie er lachend am Strand steht – genau dort, wo er als Kind seine ersten Muscheln sammelte. Ich nicke, lächle und sage still in mir:

                                             “WERTvoll ist es, gute und tragfähige Erinnerungen zu generieren.“

 
Was ich heute weiß – echte Erkenntnisse

Gute Erinnerungen sind keine Gefälligkeit. Sie sind ein Schutzfaktor gegen innere Leere im Erwachsenenalter. Wir geben Kindern nicht nur schöne Momente – wir geben ihnen innere Architektur, die ihr Leben trägt. Wir geben ihnen die Möglichkeit, psychisch gesund zu sein.

Du gestaltest die innere Welt deines Kindes mit. Nicht durch Perfektion – sondern durch deine Haltung.

Verantwortung bedeutet hier nicht, alles kontrollieren zu können. Verantwortung bedeutet, bewusst da zu sein. Mit einem inneren Kompass, der leise mitläuft: „Was nimmt mein Kind aus diesem Moment mit?

Vielleicht ist genau das das Besondere daran: Dass diese Verantwortung zugleich ein Privileg ist. Denn du darfst miterleben und mitgestalten, was ein Mensch einmal über das Leben fühlt. Wie er sich erinnert. Was ihn trägt.

Es gibt kaum etwas Größeres als das.

Bedenke: Dafür musst du dich nicht aufgeben. Du musst nur da sein. Bewusst. Ehrlich. Mit einer Haltung, die sagt: „Was du hier mit mir erlebst, soll dich ein Leben lang tragen.“

Was ich tief in meiner Seele und meinem Sein in mir als Überzeugung trage ist folgendes Statement: 

                                                 Kinder verdienen eine Kindheit, die sie später nicht heilen brauchen.

Manchmal, nach zwanzig Jahren, rufen sie dann an und sagen: „Mama, lass uns nochmal hinfahren.“

Das ist der Moment, in dem du weißt: Es hat sich gelohnt.

Wenn du spürst, dass du dir genau das für dein Kind wünschst, aber nicht weißt, wie du es im Alltag umsetzen kannst, musst du da nicht allein durch.

Schau dir hier meine Begleitangebote an.

bb-kb – begleiten und beraten Kai Buder