„Sind da keine Bilder drin?“
Teil 3 von „Unscheinbare Momente: Vom Alltag zur Erkenntnis“
Diese Frage kam heute Morgen von meinem Sohn. Er lag noch eingekuschelt auf dem Sofa, die Flasche neben sich, und hatte sich – ganz selbstverständlich – ein Buch genommen.
Sein erstes „richtiges“ Buch. Kein Comic. Kein Bilderbuch.
Ein Buch aus einer Aktion von REWE.
„Nein“, habe ich gesagt, „das ist ein richtiges Buch. Vielleicht sind ein paar Bilder drin.“
Kurze Pause.
„Okay, dann fange ich mal an.“
Danach passierte etwas, das mich als Mutter und Pädagogin unvermittelt zum Lächeln brachte: Nach jeder Seite schaute er mich an und sagte:
„Wow, ich habe schon wieder eine Seite gelesen.“
Während er las – noch vor dem Frühstück, um 7.00 Uhr früh – richtete ich die Brotzeitboxen für den Tag in unserer offenen Küche.
Manche Wörter konnte mein Sohn noch nicht komplett lesen. Das waren lange Wörtet. Er hat sie mir buchstabiert. Ich habe ihm eine Brücke gebaut.
Mehr brauchte es nicht.
Was mir in diesem Moment wieder klar geworden ist:
Kinder brauchen nicht noch mehr Druck. Sie brauchen Zugang und einen Raum, der es ihnen ermöglicht, ihre Interessen und Kompetenzen in ihrem Tempo auszuleben.
Zugang zu Geschichten. Zugang zu Material. Zugang zu echten Erfahrungen.
Eindeutig ja! Selbst solche Aktionen von großen Unternehmen wie REWE oder McDonald’s oder anderen Firmen können genau das schaffen: einen ersten Zugang ermöglichen. Unabhängig, von wo diese Büchlein kommen. Wichtig ist, dass sie ihren Weg in das Zuhause des Kindes schaffen.
Ein Buch in der Hand ist etwas anderes als ein Bildschirm.
Ein Buch kann man anfassen. Blättern. Spüren.
Gerade für Kinder ist das entscheidend. Sie begreifen die Welt nicht nur mit dem Kopf –
sondern im wahrsten Sinne des Wortes mit den Händen. Etwas „erfassen oder begreifen“ hat so viel mit dem taktilen Sinn zu tun. Es steckt ja bereits im Wort drin: anfassen, greifen.
Was vielleicht auch noch genauso wichtig ist:
Kinder lesen nicht, weil wir es ihnen sagen. Sie lesen, weil Lesen einen Platz im Alltag hat. Weil jemand da ist. Weil sie es sehen.
Nicht steuernd. Nicht erklärend.
Sondern einfach präsent.
Im Hintergrund. Ansprechbar. Verlässlich.
Dieser Morgen hat es mir wieder gezeigt. Es braucht oft nicht viel.
Ein Buch. Ein Moment. Ein Mensch, der da ist.
Mehr brauchte es nicht. Nur Zeit, Aufmerksamkeit und ein bisschen Unterstützung.