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Am Ende geht es immer ums Gehirn

Diesen Satz sage ich häufig in Gesprächen.
Nicht, weil ich Menschen auf ihr Gehirn reduzieren möchte oder weil ich glaube, dass Biologie alles erklärt. Vielmehr bin ich der Meinung, dass wir viel zu schnell Verhalten bewerten, bevor wir verstehen, warum.
Gestern sprach ich mit einer Kollegin über zwei Kinder. Über ein Kind aus der Kita und über meinen eigenen Sohn.
Beide zeigen Verhaltensweisen, die für Außenstehende manchmal egozentrisch wirken können.
Meine Kollegin fragte:
„Kann man das nicht einfach Egozentrik nennen?“
Ich widersprach.
Denn Egozentrik ist für mich eine Entscheidung. Innere Logik ist etwas anderes.
Wenn ein Kind die Perspektive anderer Menschen nicht automatisch mitdenkt, wenn es soziale Signale anders verarbeitet oder Zusammenhänge anders wahrnimmt, dann handelt es nicht zwangsläufig egozentrisch.
Es handelt innerhalb seiner eigenen Logik.
Diese Logik entsteht nicht zufällig. Sie entsteht durch die Art, wie das Gehirn Informationen verarbeitet.
Deshalb spreche ich so häufig über Neurodivergenz, ADHS, Autismus, Hochsensibilität, Nervensysteme und Wahrnehmung. Denn all diese Themen führen letztlich zu derselben Frage:
Wie verarbeitet dieses Gehirn die Welt?
Viele Menschen sprechen dabei lieber vom Nervensystem. Das ist auch richtig. Zum Nervensystem gehört das Gehirn, das Rückenmark und die Nervenbahnen im gesamten Körper.
Wenn ein Kind unter Stress gerät, verändert sich nicht nur sein Denken. Die Atmung verändert sich. Die Muskelspannung verändert sich. Der Herzschlag verändert sich. Der gesamte Körper reagiert.
Deshalb ist der Begriff Nervensystem oft hilfreich, dennoch komme ich immer wieder beim Gehirn an.
Denn dort werden Informationen verarbeitet. Dort entstehen Bedeutungen. Dort werden Erfahrungen gespeichert. Dort entwickelt sich die innere Logik, nach der Menschen handeln.
Wenn wir heute über Autismus sprechen, wissen wir, dass sich Gehirne unterschiedlich entwickeln können.
Wenn wir über ADHS sprechen, wissen wir, dass sich bestimmte neurobiologische Prozesse von denen der Mehrheit unterscheiden.
Wenn wir über Lernen, Verhalten oder Emotionen sprechen, landen wir immer wieder bei denselben Fragen:
Wie wird Information verarbeitet? Welche Bedeutung erhält sie? Welche Handlung entsteht daraus?
Deshalb verändert sich mein Blick auf Verhalten. Ich frage nicht zuerst:
Warum macht dieses Kind das? Ich frage:
Welche Logik ergibt sich für dieses Kind aus seiner Wahrnehmung der Welt?
Diese Frage verändert fast alles. Auf einmal geht es nicht mehr um Schuld, oder um Absicht. Es geht nicht mehr um richtig oder falsch. Plötzlich geht es um Verstehen.
Aus meiner Sicht beginnt hier Pädagogik:
Nicht bei der Bewertung von Verhalten. Sondern beim Versuch zu verstehen, wie dieses Verhalten entsteht.
Denn am Ende geht es immer ums Gehirn.
Pädagogin, staatlich anerkannte Erzieherin und Mutter von vier Söhnen. Sie begleitet mit BB-KB Familien, Fachkräfte und Einrichtungen rund um Neurodivergenz, in Weil am Rhein und online.
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