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Wissenswertes
Haben oder nicht haben – warum präzise Sprache wirkt

„Kann ich mal…?“
Diesen Satz höre ich seit Jahren. Täglich. In unterschiedlichsten Varianten.
„Kann ich mal?“ „Kann ich?“ „Ich brauch.“ „Gib mal.“
Als Pädagogin reagiere ich oft gar nicht zuerst auf den Inhalt, sondern auf die Sprache selbst.
Manchmal mit Humor: „Kann ich mal mit dem Finger in der Nase bohren?“
Manchmal mit einer Gegenfrage: „Welcher Satzteil fehlt denn noch?“
Viele Menschen empfinden das vermutlich als kleinlich oder überkorrekt. Ich sehe das anders.
Sprache ist für mich weit mehr als reine Kommunikation. Sprache strukturiert Denken. Beziehungen. Wahrnehmung. Selbstwirksamkeit.
Ein fertig gedachter Satz braucht Aufmerksamkeit, Präzision und Impulskontrolle. Er verlangt die Fähigkeit, das eigene Bedürfnis wahrzunehmen und einem anderen Menschen verständlich mitzuteilen.
„Kann ich bitte die Schere haben?“ oder „Gib mir bitte die Schere.“ Ist eben etwas anderes als: „Kann ich mal…?“
Im ersten Satz steckt: ein Gegenüber. Eine konkrete Absicht. Eine vollständige Gedankenbewegung.
Kinder lernen Sprache nicht über Arbeitsblätter. Sie lernen Sprache im Alltag. In echten Begegnungen. In Wiederholung. In kleinen Korrekturen.
Vielleicht bin ich deshalb tatsächlich so etwas wie eine Wächterin der Alltagssprache geworden.
Nicht, weil ich perfekte Grammatik liebe. Sondern weil ich glaube, dass präzise Sprache Kindern hilft, sich selbst präziser wahrzunehmen.
Wer lernt, Gedanken fertig zu formulieren, lernt oft auch: genauer hinzusehen, besser zuzuhören, achtsamer zu kommunizieren und respektvoller mit sich und anderen umzugehen.
Sprache verlangsamt. Manchmal ist genau das notwendig in einer Welt, die immer schneller wird.
Ich glaube Bildung beginnt viel früher, als wir denken.
Nämlich genau dort: zwischen zwei Menschen und einem unvollständigen Satz.
Pädagogin, staatlich anerkannte Erzieherin und Mutter von vier Söhnen. Sie begleitet mit BB-KB Familien, Fachkräfte und Einrichtungen rund um Neurodivergenz, in Weil am Rhein und online.
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