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Kognitive Kreuzbestäubung – endlich ein Wort, das mein Denken beschreibt

Ich bin 43 Jahre alt. Einen großen Teil meines Lebens habe ich gehört, dass ich zu schnell denke. Zu schnell Zusammenhänge erkenne. Zu schnell von einem Gedanken zum nächsten komme. Zu schnell Schlussfolgerungen ziehe. Ich wäre sprunghaft.
Diese Bewertungen haben mich oft verletzt und mich irritiert zurückgelassen. Ich konnte mit diesen Beschreibungen wenig anfangen, da mein Innenleben kaum zu dem Feedback von außen passte.
Mein Denken ist nicht sprunghaft! Wenn ich bei Punkt E ankomme, kenne ich den Weg ausgehend von A über B, C und D. Die Verbindungen sind da. Ich kann sie nachvollziehen. Meistens kann ich sie auch erklären. Sie entstehen nur sehr schnell.
Was passiert also in meinem Gehirn, was bei anderen offenbar nicht so passiert? Es verbinden sich oft Wissensgebiete, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Eine Erfahrung erinnert an einen wissenschaftlichen Begriff. Eine Beobachtung verbindet sich mit einem Gespräch. Ein Gedanke aus der Pädagogik trifft auf Erkenntnisse aus der Psychologie, Soziologie, Theologie oder der Neurowissenschaft.
Aus diesen Verbindungen entsteht ein neuer Gedanke, eine Schlussfolgerung.
Für viele Menschen wirkt das vielleicht wie Intuition. Für mich fühlt es sich nicht so an. Denn ich habe nicht einfach nur ein Ergebnis. Ich kann den Weg dorthin zurückgehen und beschreiben, wie ich darauf gekommen bin.
Wie sich dieses Denken für mich anfühlt: Ich stelle mir mein Wissen manchmal wie einen alten Apothekerschrank vor. Jede Schublade enthält Erfahrungen, Begriffe, Beobachtungen oder wissenschaftliche Erkenntnisse. Kommt in einem Gespräch eine neue Information hinzu, springen plötzlich mehrere Schubladen gleichzeitig auf. Im ersten Moment scheinen sie nichts miteinander zu tun zu haben.
Doch dann beginnt etwas, das ich heute Kognitive Kreuzbestäubung nenne: Die neue Information wird mit dem Wissen aus den geöffneten Schubladen zu einem Geflecht verwoben. Daraus entsteht kein Durcheinander. Es entsteht ein neuer, sinnvoller Zusammenhang.
Für mich sind diese Zusammenhänge komplett logisch. Ich kann sie später wieder entfalten und erklären. Allerdings habe ich gemerkt, dass das Schwierige erst in der Kommunikation mit anderen Menschen beginnt:
Mein Denken entsteht als Netzwerk. Erklären kann ich es nur linear. Während in meinem Kopf viele Zusammenhänge gleichzeitig sichtbar werden, kann mein Gegenüber sie nur Schritt für Schritt nachvollziehen. Deshalb muss ich mein Denken für Außenstehende verlangsamen. Nicht für mich. Für die Kommunikation. Möglicherweise erleben mich manche Menschen genau deshalb als „zu schnell“.
Ein Name für das Namenlose: Vor einigen Monaten begegnete mir erstmals der Ausdruck „Kognitive Kreuzbestäubung“. Bis heute weiß ich nicht, woher er ursprünglich stammt oder ob er wissenschaftlich bereits als feststehender Begriff verwendet wird. Aber in dem Moment, als ich ihn las, geschah etwas Unerwartetes: Zum ersten Mal hatte ich Worte für eine Denkweise, die ich mein ganzes Leben erlebt hatte.
Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde entstand in mir eine Kohärenz, die bis heute anhält. Diese Stabilität löst Freude, Ruhe und Gelassenheit in mir aus. So sehr, dass ich nun hier sitze und diesen Artikel schreibe – in der Hoffnung, dass es da draußen noch mehr Menschen gibt, die erleben dürfen, was ein passender Begriff bewirken kann.
Als ich diesen Begriff kennenlernte, begann ich, mein Denken anders zu betrachten. Ich fragte mich nicht mehr: Warum bin ich schon wieder bei einem Gedanken angekommen, den sonst niemand ausgesprochen hat? Ich konnte nun beobachten, was passiert war. Die Verbindungen in meinem Kopf waren bereits entstanden.
Das klingt zunächst unspektakulär. Für mich war es eine große Erleichterung. Wer über viele Jahre hört, zu schnell zu denken, beginnt irgendwann, dem eigenen Denken zu misstrauen. Vielleicht übersehe ich etwas. Vielleicht springe ich zu weit. Vielleicht müsste ich langsamer sein.
Mit einem passenden Begriff verschwinden diese Fragen nicht vollständig. Sie verlieren aber ihre bedrohliche Selbstverständlichkeit. Ich versuche nicht mehr, mein Denken ständig zu korrigieren. Ich muss mich nicht mehr dafür rechtfertigen, dass Verbindungen in meinem Kopf schnell entstehen.
Notwendig ist es jedoch, zu unterscheiden zwischen meinem inneren Tempo und dem Tempo gemeinsamer Kommunikation. Das eine ist mein inneres Netzwerk. Das andere ist die Brücke zu einem anderen Menschen. Beides folgt unterschiedlichen Regeln.
Die Last der Übersetzung: Vielleicht erklärt dieses Phänomen auch einen Teil der Einsamkeit, von der viele neurodivergente Menschen berichten. Zwischen dem inneren Erleben und der gemeinsamen Sprache liegt oft eine große Übersetzungsleistung. Wenn immer wieder erlebt wird, dass andere die eigenen Gedankengänge nicht nachvollziehen können, beginnt man irgendwann, weniger auszusprechen. Man erklärt weniger. Man wartet länger. Man passt sich an. Mit der Zeit verliert man möglicherweise sogar das Vertrauen in die eigene Art zu denken.
Mir hat der Begriff der Kognitiven Kreuzbestäubung geholfen, dieses Vertrauen wiederzufinden. Er erklärt nicht alles. Aber er macht etwas sichtbar, das vorher keinen Namen hatte.
Kennst du einen Begriff, der dir einen ähnliche Erleichterung verschafft hat?
Wo beginnt Verstehen? Vielleicht beginnt Verstehen mit einem Wort. Einem Wort, das beschreibt, was man längst erlebt hat. Darin liegt für mich die eigentliche Kraft von Sprache.
Pädagogin, staatlich anerkannte Erzieherin und Mutter von vier Söhnen. Sie begleitet mit BB-KB Familien, Fachkräfte und Einrichtungen rund um Neurodivergenz, in Weil am Rhein und online.
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