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Wissenswertes
„Mama, was ist dein größter Schatz?“

Mein dritter Sohn stellt mir in letzter Zeit immer wieder ähnliche Fragen. Jedes Mal in einem anderen Kleid.
„Mama, was ist dein größter Schatz?“ „Was ist das Wertvollste, das wir haben?“ „Was ist dir am wichtigsten?“
Obwohl er dabei — darüber bin ich mir vollkommen im Klaren — auf etwas völlig anderes hinaus will, lautet meine Antwort immer dieselbe:
„Mein Gehirn. Unser Gehirn. Dein Gehirn.“
Dann schaut er mich manchmal leicht irritiert an und sagt:
„Mama, das meine ich nicht. Was ist das Teuerste, das wir im Haus haben?“
Meine Antwort bleibt trotzdem gleich.
„Mein Gehirn.“
Ich möchte, dass mein Sohn versteht, wie ernst ich es meine. Denn nur dann kann er irgendwann nachvollziehen, warum wir als Eltern manche Dinge bewusst anders machen – warum wir Pausen schützen, Reize begrenzen und Zeit zum Nichtstun einplanen. Wir als Eltern möchten ihm die Zeit geben, die sein Gehirn und Nervensystem brauchen, damit er sich als Mensch entfalten kann.
Je länger ich darüber nachdenke, desto ernster wird mir die Antwort.
Alles, was wir als Menschen erschaffen — Häuser, Technologie, Kunst, Sprache, Beziehungen oder ganze Gesellschaften — entsteht zuerst dort:
in unserem Denken.
Möglicherweise beginnen wir gerade erst langsam zu verstehen, wie schützenswert dieses Organ eigentlich ist.
Unser Gehirn entscheidet über so viele relevante „Dinge“. Es geht darum, wie wir denken, wie wir fühlen, wie wir Zusammenhänge erkennen, wie wir mit Stress umgehen, wie wir lieben, wie wir lernen, wie wir sprechen, wie wir uns selbst wahrnehmen.
Trotzdem behandeln wir es oft erstaunlich achtlos.
Wir schlafen zu wenig. Wir leben unter Dauerstress. Wir konsumieren permanent Informationen. Wir verlieren Stille. Wir verlieren Tiefe. Wir verlieren Konzentration. Manchmal verlieren wir sogar die Fähigkeit, wirklich selbst zu denken.
Mich beschäftigt dieses Thema momentan so sehr, weil mir durch meine Arbeit als Integrationsfachkraft immer klarer wird, wie sehr die Gehirne unserer Kinder mittlerweile unter Dauerbeschuss stehen. Ich sehe Kinder, die kaum noch zur Ruhe kommen. Kinder, deren Aufmerksamkeit ständig gezogen wird. Kinder, die erschöpft wirken, obwohl sie doch eigentlich voller Leben sein sollten. Immer mehr Kinder, die kaum noch aus sich selbst heraus Interesse entwickeln und einfache kognitive Anforderungen kaum noch erfüllen können oder wollen.
Denn in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit zur Ware geworden ist, wird die Fähigkeit zum bewussten Denken vermutlich immer wertvoller. Nicht schneller denken. Nicht mehr denken.
Sondern klarer.
Für mich ist genau das einer der größten Schätze, die wir überhaupt besitzen:
Ein Gehirn, eingebettet in ein stabiles Nervensystem, das denken, fühlen, lernen und in Verbindung bleiben kann und das noch in der Lage ist, frei, verbunden und bewusst zu denken.
Wir schützen Kindergehirne nicht, indem wir Kinder vom Leben fernhalten.
Wir schützen sie, indem wir ihnen Schlaf, Beziehung, Bewegung, Stille, Langeweile, Spiel und echte Aufmerksamkeit ermöglichen.
Pädagogin, staatlich anerkannte Erzieherin und Mutter von vier Söhnen. Sie begleitet mit BB-KB Familien, Fachkräfte und Einrichtungen rund um Neurodivergenz, in Weil am Rhein und online.
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