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Wissenswertes
Räume sind nicht nur Räume – wie ein neues Bett zum Meltdown erster Güte wuchs

Wir wollen nur ein Hochbett bauen.
Mein Mann und ich hatten mehrere Tage frei genommen, um die Kinderzimmer unserer Jungs umzubauen. Neue Hochbetten. Mehr Bewegungsmöglichkeiten. Eine Sprossenwand, eine Klimmzugstange und sogar ein Trampolin.
Unsere Jungs haben unglaublich viel Energie. Das Haus gleicht manchmal eher einer Bewegungslandschaft als einem klassischen Familienalltag.
In unserer Familie arbeiten wir partizipativ. Das bedeutet: Die Kinder bauen immer mit.
Wir hatten den Umbau lange angekündigt. Alles war vorbereitet.
Aber dann passierte etwas, womit wir überhaupt nicht gerechnet hatten.
Der eigentliche Wendepunkt
Als unser 7-jähriger Sohn verstand, dass der Umbau jetzt wirklich beginnt, bekam er einen massiven Meltdown.
Weinen. Verkrampfen. Kaum Luft bekommen. Freezing. Verweigerung.
Die einzige Aufgabe, die wir ihm gegeben hatten, war eigentlich simpel: Er sollte alles vom Boden aufräumen. Für uns Erwachsene wirkte das zunächst wie eine überschaubare Situation.
Für sein Nervensystem offenbar überhaupt nicht.
Denn was wir erst später wirklich verstanden haben: Wir bauten nicht einfach ein Bett ab. Wir bauten seine Schutzburg auseinander.
Was neurodivergente Nervensysteme oft anders erleben
Ich arbeite pädagogisch seit Jahren mit neurodivergenten Kindern und Familien. Fachlich wusste ich eigentlich sofort, was gerade passiert.
Sicherheit entsteht für viele neurodivergente Kinder nicht abstrakt. Sie ist oft eng gekoppelt an:
- Räume
- Routinen
- Vorhersagbarkeit
- Rückzugsorte
- vertraute Strukturen
Das Kinderzimmer war für unseren Sohn nicht einfach ein Zimmer. Es war Regulation. Orientierung. Kontrolle. Ein sicherer Ort. Rückzugsmöglichkeit. Hafen.
Genau dieser wertvolle Ort verschwand plötzlich.
Sein Nervensystem reagierte nicht mit Trotz. Sondern mit Überlebensmodus.
Der Moment, in dem sich etwas veränderte
Zunächst war ich wütend. Nicht auf mein Kind als Person. Sondern aus Ohnmacht.
Wir hatten alles vorbereitet. Mehrfach verschoben. Uns als Eltern innerlich auf dieses Projekt eingestellt. Frei genommen, extra fürs Bauen.
Ich ging zunächst ziemlich wütend in sein Zimmer und begann gemeinsam mit meinem Mann mit dem Abbau. Währenddessen erklärte ich meinem Mann – noch ziemlich aufgewühlt – was da gerade in unserem Sohn abgeht: „fachlich kann ich dir genau erklären, was da gerade vor sich geht“
Während ich sprach, passierte etwas Interessantes mit mir: Ich selbst wurde ruhiger.
Mit jedem Satz entstand mehr Abstand zwischen mir und meiner eigenen Überforderung.
Ich merkte plötzlich: Mein Kind kämpft gerade nicht gegen uns. Sein Nervensystem kämpft um Sicherheit.
Co-Regulation statt Diskussion
Ich ging wieder zu meinem Sohn. Setzte mich zu ihm. Nahm ihn auf den Schoß. Hielt ihn. Wiegte ihn.
Ich sprach zunächst gar nicht. Ich war einfach da. Er weinte und schrie.
Ein paar Minuten später fragte ich ihn:
„Willst du wissen, was gerade in deinem Körper passiert?“
Er sagte ja.
Also erklärte ich ihm:
„Dein Nervensystem schlägt gerade heftigen Alarm, weil es Angst hat, seine Schutzburg zu verlieren.“
Ich erklärte ihm, dass sein Körper gerade auf Gefahr reagiert. Dass sein Nervensystem denkt, er würde Sicherheit verlieren. Dass sich genau deshalb gerade alles so schlimm anfühlt.
Dann zeigte ich ihm seine zweite „Burg“. Unser Sofa im Wohnzimmer. Eine Decke. Seine Kuscheltiere. Ein Drei-???-Kids-Hörspiel.
Wenige Minuten später war er ruhig.
Der Satz, der mich tief berührt hat
Später fragte ich ihn auf einer gemeinsamen Fahrradtour, ob ihm meine Erklärung geholfen hatte.
Seine Antwort war:
„Ja, total. Als ich das verstanden hatte, habe ich mir gedacht, dass es gar keinen Sinn macht, rumzuschreien.“
Dieser Satz hat mich tief bewegt.
Denn plötzlich ging es nicht mehr darum, dass wir ihn „beruhigt“ hatten. Sondern darum, dass er sich selbst wieder verstehen konnte.
Was wir als Familie gelernt haben
Natürlich haben wir an diesem Wochenende viel weniger geschafft als geplant. Die beiden Betten und die Bewegungsmöglichkeiten sind noch nicht fertig gebaut.
Doch wir haben etwas gelernt, das vermutlich viel wichtiger war als jedes fertige Hochbett:
Sprachfähigkeit kann Nervensysteme beruhigen.
Das eigene und das von Kindern.
Manchmal entsteht Regulation genau dort, wo ein Mensch endlich versteht:
„Ich bin nicht falsch. Mein Körper versucht gerade nur, mich zu schützen.“
Ich denke, genau das eine der wichtigsten Erfahrungen, die Kinder machen können. Dass alles einen klaren Grund hat. Nichts passiert einfach so.
Ein zweiter Gedanke aus dieser Meltdown – Episode konnte ich ebenfalls mitnehmen: Es ist so wichtig, dass wir echt sind. Dass wir zulassen, was in uns passiert... und dass wir da bleiben. Dass wir versuchen zu verstehen.
Was vielleicht sogar das größte Learning war an diesem Wochenende: große Gefühle bedeuten nicht das Ende von Beziehung.
Pädagogin, staatlich anerkannte Erzieherin und Mutter von vier Söhnen. Sie begleitet mit BB-KB Familien, Fachkräfte und Einrichtungen rund um Neurodivergenz, in Weil am Rhein und online.
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