
Unser momentanes Ferienprojekt heißt Toy Story. Jeden Tag schauen wir gemeinsam einen Film. Nicht am Abend, sondern ganz bewusst am Nachmittag gegen 16 Uhr.
Das hat einen einfachen Grund. Ich möchte, dass zwischen dem Film und dem Schlafengehen noch genügend Zeit liegt. Zeit, damit die Kinder wieder vollständig in ihrer eigenen Welt ankommen können. Zeit zum Spielen. Zeit zum Toben. Zeit, damit das Gehirn all das, was es gerade erlebt hat, nicht einfach nur speichert, sondern weiterverarbeitet.
Wir sind als Familie eher medienkritisch. Sie dürfen stattfinden, aber reduziert. Denn Filme und Videospiele sind nur ein Teil vom vielfältigen Leben.
Seit einigen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Neurodivergenz und mit der Frage, wie Kinder lernen und sich entwickeln. Dadurch schaue ich inzwischen nicht nur auf Geschichten, sondern auch auf das, was Geschichten in Kindern auslösen.
Diesmal habe ich den Film nicht nur als Mutter gesehen, sondern auch mit dem Blick auf kindliche Entwicklung. Bei Toy Story ist mir in diesem Jahr zum ersten Mal Andy aufgefallen.
Nicht Woody.
Nicht Buzz.
Andy.
Ich habe mich dabei ertappt, wie ich sein Spiel beobachtet habe. Nicht beiläufig, sondern mit großem Staunen. Seine Spielzeuge sind keine Gegenstände. Sie sind Persönlichkeiten. Jede Figur hat ihre eigene Rolle, ihre eigenen Beziehungen, ihre eigene Geschichte. Andy springt scheinbar mühelos zwischen all diesen Ebenen hin und her und verliert dabei nie den Faden. Er erschafft keine einzelnen Spielszenen. Er erschafft eine eigene Welt.
Vergessen wir Erwachsenen hin und wieder, wie tief Kinder in ihr Spiel einsteigen können? Berücksichtigen wir das in unseren Familienleben oder auch als Pädagoginnen und Pädagogen?
Als der Film zu Ende war, begann für mich der spannendste Teil des Nachmittags.
Im Hintergrund lief der Dirty-Dancing-Soundtrack, den ich wirklich sehr liebe. Zum dritten Mal. Ich saß am Tisch und schrieb. Sohn Nummer 3 spielte mit einem Flummi Basketball und kommentierte jeden Wurf mit der Begeisterung eines Stadionsprechers. Sohn Nummer 4 hatte unseren Eimer mit Schraubdeckeln entdeckt, ausgekippt und begann daraus eine Pyramide zu bauen.
Ja, wir sammeln Schraubdeckel.
Seit gestern finde ich das noch schöner als vorher. Denn plötzlich musste ich an Toy Story denken.
Für Erwachsene sind es Schraubdeckel.
Für Kinder sind es Baumaterial, Münzen, Türme, Straßen oder was auch immer ihre Fantasie daraus macht. Vielleicht ist genau das eine der schönsten Botschaften von Toy Story 4. Spielzeug muss nicht aus einer Fabrik kommen. Es entsteht in dem Moment, in dem ein Kind einem Gegenstand Bedeutung gibt.
Der Ort, an dem dieser Schraubdeckelmoment stattfand ist unser Esstisch. Er ist 3,60 Meter lang. Trotzdem suchen wir manchmal einen Platz zum Essen. Einfach, weil wir tausend Mal aufräumen und sich dann das Leben wieder seinen Weg bahnt und am Ende auf dem Tisch landet.
Dort liegen Bücher, weil sie gerade gelesen werden. Notizzettel, weil Gedanken festgehalten werden wollen. Stifte, weil jemand etwas malt oder schreibt. Da stehen Blumen, die den Kopf ein wenig hängen lassen und tausend andere Dinge, die das Leben lebenswert machen. Gestern lagen da eine Menge Schraubdeckel, weil zwei Kinder beschlossen haben, daraus Pyramiden zu bauen.
Während ich gestern dort saß, fiel mir plötzlich ein Wort ein.
Familienatelier.
Genau das ist unser Tisch. Eigentlich ist es sogar der ganze Raum.
Hier wird gelesen, gebaut, geschrieben, gesprochen, gelacht, diskutiert, gegessen und manchmal einfach nur zusammen gesessen. Es ist unser Leberaum.
Irgendwann, nach mehreren Versuchen stand die erste Pyramide. Sohn Nr. 4 nahm jedes Umfallen mit erstaunlicher Gelassenheit hin. Immer wieder begann er von vorne. Bis sie schließlich stand. Wow, die Freude darüber war groß. Jubel und „bitte Mama, mach doch ein Foto davon.“ Sohn Nr. 3 unterbrach sein Basketball-Stadion-Moment und kam zu uns an den Tisch. Wir staunen alle. Mit Hochgenuss schoss Sohn Nr. 4 mit einem Buntstift, der dann ein Pfeil war, sein Bauwerk wieder um. Mit einem kurzen Geschepper. Wieder war die Freude groß.
Kurze Zeit später stand die nächste Pyramide. Gebaut von Sohn Nr. 3. Schwupps, landeten wir in einem Schraubdeckelfest. Man muss die Feste eben so feiern wie sie kommen. Dafür sind Ferien da.
Vielen Versuche wurden unternommen, um das Bauwerk stabil zu halten. Die Pyramiden fielen um. Immer wieder. Bis sie irgendwann standen. Immer war der Jubel groß!
Hinter jeder gelungenen Pyramide stecken Geduld, Ausdauer, Konzentration und unzählige kleine Korrekturen. Kinder lernen all das nicht, weil wir es ihnen erklären.
Sie lernen es, weil sie spielen.
Der Abend verlief übrigens nicht perfekt.
Nur wenige Minuten später rutschte Sohn Nummer 3 in einen Meltdown. Sein kleiner Bruder hatte eine größere Pyramide geschafft als er selbst. Wut, Neid und Eifersucht kamen so plötzlich und so heftig, dass sein Gehirn keinen anderen Ausweg mehr fand.
Auch das gehört zu seiner Kindheit und zu uns als Familie. Diese schnellen Wechsel von Wirklichkeiten. Die Momente, in denen Gefühle größer werden als das Kind selbst.
Gott sei Dank sind wir ein eingespieltes Team und wissen inzwischen, was ihm in solchen Momenten hilft. Später lag Sohn Nr. 3 neben mir im Bett. Wir hielten schweigend noch eine Weile Händchen. Dann schlief er ein.
Heute Morgen schläft er noch.
Wenn er aufwacht, beginnt ein neuer Tag. Ich weiß schon jetzt, dass es am Ende ein guter Tag werden wird.
Auch heute wird nicht alles glatt laufen. Sondern das Leben wird wieder seinen Weg bahnen und all seine Facetten präsentieren.
Kinder lernen nicht, indem wir sie vor allen starken Gefühlen bewahren. Sie lernen, weil sie erleben, dass sie mit diesen Gefühlen nicht allein bleiben.
Ich denke, wir Erwachsenen unterschätzen das freie Spiel manchmal.
Wir sehen Kinder einfach, die eine Pyramide aus Schraubdeckeln bauen.
Kinder erleben etwas völlig anderes. Sie planen, sie probieren aus, sie scheitern, beginnen noch einmal, entwickeln Ideen, regulieren ihr Nervensystem und verarbeiten Erlebnisse. Das alles eingebettet in die heilige Superkraft des Spiels, die all das überhaupt erst möglich macht.
Während wir glauben, der Film sei längst vorbei, arbeitet das Gehirn noch immer weiter. Für mich war das gestern meine größte Erkenntnis:
Toy Story endet nicht mit dem Abspann. Der eigentliche Film beginnt danach.
Mitten auf einem 3,60 Meter langen Tisch.
Zwischen Büchern, Schraubdeckeln, Musik und zwei Kindern, die sich spielend ihre Welt erschließen.
Pädagogin, staatlich anerkannte Erzieherin und Mutter von vier Söhnen. Sie begleitet mit BB-KB Familien, Fachkräfte und Einrichtungen rund um Neurodivergenz, in Weil am Rhein und online.
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